Schickeria & Bussi-Bussi
Die Münchner „Schickeria“ bezeichnet jene schillernde Prominenten-, Geld- und Partyszene, die besonders in den 1970er- und 1980er-Jahren das Image der Stadt prägte. Nachtclubs, Society-Reporter, Filmleute, Unternehmer und internationale Gäste erzeugten ein München des Sehens und Gesehenwerdens. „Bussi-Bussi“ wurde zur ironischen Kurzform für diese demonstrative Nähe.
Schickeria und Bussi-Bussi auf einen Blick
- Begriff
- „Schickeria“ verbindet „schick“ mit einer gesellschaftlichen Clique und wurde zum spöttischen Namen für eine exklusive, medienwirksame Szene
- Hochphase
- Besonders die 1970er- und 1980er-Jahre gelten als klassische Zeit der Münchner Bussi-Gesellschaft
- Orte
- Schwabing, Prominentenlokale, Hotelbars, Diskotheken und später auch das Gärtnerplatz- und Glockenbachumfeld
- Medienbild
- Boulevardjournalismus, Promifotografie und Fernsehen verstärkten die Vorstellung eines glamourösen München
- Popkultur
- Spider Murphy Gang, „Monaco Franze“ und „Kir Royal“ machten die Schickeria selbst zum Gegenstand von Musik und Fernsehen
Wie München zur Bühne des schönen Scheins wurde
München besaß nach den Olympischen Spielen 1972 eine ungewöhnliche Mischung aus wirtschaftlichem Wohlstand, Filmindustrie, Nachtleben und internationalem Publikum. Stars kamen für Dreharbeiten oder Musikproduktionen in die Stadt, Unternehmer und Gastronomen bauten exklusive Treffpunkte auf, und die Boulevardpresse machte aus Anwesenheit eine eigene Währung.
Zur Schickeria gehörte deshalb weniger ein fester Personenkreis als ein System: Man musste wissen, wo man auftaucht, wen man kennt und an welcher Tür man vorbeikommt. Der berühmte „Adabei“ – jemand, der immer dabei ist – passt perfekt in diese Welt.
Bussi-Bussi als soziale Choreografie
Das doppelte Wangenküssen wurde zum sichtbaren Ritual einer Szene, die Vertrautheit inszenierte. „Bussi-Bussi“ meinte bald nicht mehr nur eine Begrüßung, sondern eine ganze Gesellschaftsform: schnell vertraut, öffentlich, fotografierbar und immer etwas überdreht.
Schwabing spielte dabei lange eine wichtige Rolle. Clubs und Lokale entlang der Leopoldstraße zogen lokale und internationale Prominenz an. Gleichzeitig verschoben sich gesellschaftliche Treffpunkte über die Jahre in andere Teile der Stadt.
Wenn München sich selbst verspottet
Gerade weil die Szene so stark inszeniert war, eignete sie sich perfekt für Satire. 1982 machte die Spider Murphy Gang den Begriff „Schickeria“ zum Popsong-Thema. Helmut Dietl sezierte mit „Monaco Franze“ und später „Kir Royal“ die Mechanik von Aufstieg, Eitelkeit und Boulevard.
Diese Serien sind heute fast so wichtig für das Bild der Schickeria wie die reale Gesellschaft selbst. München als Fernsehstadt zeigt, wie stark solche Produktionen das kulturelle Gedächtnis der Stadt geprägt haben.
Aufstieg und Nachleben der Münchner Schickeria
Society wird zum Mediengeschäft
Prominentenreporter, Hotelbars und exklusive Gesellschaftsrunden schaffen eine frühe Münchner Öffentlichkeit des Sehens und Gesehenwerdens.
Olympia, Film und Nachtleben beschleunigen das Tempo
Die internationaler werdende Stadt zieht Musiker, Schauspieler und Geschäftsleute an. Schwabinger Clubs und prominente Lokale werden zu Bühnen einer neuen urbanen Selbstinszenierung.
„Schickeria“ wird Popbegriff
Die Spider Murphy Gang greift das Milieu satirisch auf. Spätestens jetzt versteht ein bundesweites Publikum, was mit Münchner Schickeria gemeint ist.
Helmut Dietl macht daraus Fernsehgeschichte
„Monaco Franze“ und „Kir Royal“ zeigen eine Stadt, in der gesellschaftliche Zugehörigkeit, Charme, Geld und Presse eng miteinander verschränkt sind.
Das klassische Milieu zerfällt, das Etikett bleibt
Medienlandschaft und Nachtleben verändern sich, Prominenz verteilt sich anders. „Schickeria“ bleibt trotzdem als historische Kurzform für ein bestimmtes München-Bild lebendig.
Die klassische Schickeria ist verschwunden, ihre Bilder nicht
Viele legendäre Lokale existieren nicht mehr, und Prominenz funktioniert heute anders als im Zeitalter der Klatschkolumnen. Trotzdem lebt die Vorstellung vom Münchner „Bussi-Bussi“ erstaunlich stabil weiter.
Serien, Songs und alte Fotografien haben aus einer realen Szene einen Stadtmythos gemacht. Wer heute darüber spricht, meint deshalb oft zugleich Geschichte und Karikatur.
Schwabing entdeckenHäufige Fragen zur Münchner Schickeria
Die Schickeria war nie eine Organisation mit Mitgliederliste. Der Begriff beschreibt ein Milieu aus Prominenz, Wohlstand, Medien und Nachtleben – und zugleich dessen ironische Überzeichnung.
Was bedeutet „Schickeria“?
Eine gesellschaftliche Clique, die sich über Stil, Status, Kontakte und öffentliche Präsenz definiert. Im Münchner Gebrauch schwingt fast immer Ironie oder Kritik mit.
Wo spielte sich die Münchner Schickeria ab?
Unter anderem in Schwabinger Clubs, Hotelbars, Prominentenrestaurants und wechselnden Nachtlokalen. Die Orte änderten sich mit der Zeit.
Warum sagt man „Bussi-Bussi-Gesellschaft“?
Weil demonstrative Vertrautheit und gesellschaftliche Rituale wie das Küsschen zur Begrüßung als typische Inszenierung der Szene galten.
Welche Rolle spielte „Kir Royal“?
Helmut Dietls Serie von 1986 machte Boulevardjournalismus und Münchner Society selbst zum Thema und prägte das Bild der Bussi-Gesellschaft dauerhaft.
Gibt es die Schickeria heute noch?
Prominenten- und Societykultur gibt es weiterhin. Die klassische Münchner Schickeria der 1970er- und 1980er-Jahre gehört jedoch vor allem zum historischen Stadtimage.